
Vergesst für einen Moment den T. rex und den Stegosaurus. Bevor die berühmten Giganten der Kreidezeit und des Jura auch nur daran dachten, die Bühne der Welt zu betreten, gab es eine Ära, die so bizarr, so gefährlich und so absolut faszinierend war, dass sie die Welt der Dinosaurier wie einen beschaulichen Streichelzoo aussehen lässt. Wir begeben uns auf eine Zeitreise ins Perm, das letzte, dramatische Kapitel des Erdaltertums, des Paläozoikums. Diese Epoche dauerte von vor etwa 299 bis vor 252 Millionen Jahren – unvorstellbare 47 Millionen Jahre voller evolutionärer Experimente und mit einem Finale, das alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte.
Stellt euch eine Welt vor, die ihr nicht wiedererkennen würdet. Ein einziger, gewaltiger Superkontinent, der fast die gesamte Landmasse der Erde vereint. Stellt euch Tiere vor, die wie eine wilde Mischung aus Reptil und Säugetier aussehen, mit riesigen Rückensegeln oder Säbelzähnen, die einen T. rex nervös machen würden. Und stellt euch das Ende vor: ein Massenaussterben von so apokalyptischem Ausmaß, dass es als „Das Große Sterben“ in die Geschichte eingegangen ist. Schnallt euch an, denn wir tauchen kopfüber in die vergessene Welt des Perm ein!
Im Perm gab es keine sieben Kontinente, wie wir sie kennen. Vergesst die Atlantiküberquerung – man hätte theoretisch von der Antarktis bis nach Sibirien spazieren können, ohne nasse Füße zu bekommen. Fast die gesamte Landmasse der Erde war zu einem einzigen, gigantischen Superkontinent namens Pangaea verschmolzen. Dieser riesige Landklumpen erstreckte sich von Pol zu Pol und war von einem ebenso gigantischen globalen Ozean umgeben, der Panthalassa. Dazwischen, eingekeilt zwischen den südlichen und nördlichen Teilen Pangaeas, lag ein warmes, tropisches Meer namens Tethys.
Was bedeutet ein solcher Superkontinent für das Klima? Extreme! Das riesige Innere von Pangaea lag weit entfernt vom mäßigenden Einfluss der Ozeane. Das Ergebnis waren gewaltige Wüsten, größer als alles, was die Erde seither gesehen hat. Stellt euch die Sahara vor, aber um ein Vielfaches ausgedehnter und noch unbarmherziger. Die Temperaturen schwankten dramatisch zwischen brütend heißen Tagen und eiskalten Nächten. An den Küsten hingegen herrschten oft extreme Monsunbedingungen mit monatelangen Trockenperioden, gefolgt von sintflutartigen Regenfällen.
Zu Beginn des Perms steckte die Erde noch in den letzten Zügen einer Eiszeit, die aus dem vorangegangenen Karbon-Zeitalter übrig geblieben war. Gewaltige Gletscher bedeckten den Südpol. Doch im Laufe des Perms wurde es wärmer und vor allem trockener. Dieses neue, härtere Klima war eine Herausforderung für das Leben – und es ebnete den Weg für eine völlig neue Besetzung auf der Bühne der Evolution.
Die feuchten, sumpfartigen Wälder des Karbons mit ihren riesigen Insekten und Amphibien wichen den trockeneren Bedingungen des Perms. Dies war die Stunde der Amnioten – Wirbeltiere, deren Eier eine schützende Hülle besaßen und die somit nicht mehr auf Wasser zur Fortpflanzung angewiesen waren. Sie konnten das trockene Landesinnere erobern! Zwei große Gruppen von Amnioten traten nun ins Rampenlicht und lieferten sich ein evolutionäres Kopf-an-Kopf-Rennen.
Das hier ist persönlich, denn wir sprechen über unsere eigene, weit entfernte Verwandtschaft! Die Synapsiden sind jene Gruppe, aus der sich später die Säugetiere entwickeln sollten. Man nennt sie oft „säugetierähnliche Reptilien“, was zwar nicht ganz korrekt, aber sehr anschaulich ist. Im Perm waren sie die unangefochtenen Herrscher des Landes. Und was für Gestalten sie hervorbrachten!

Jeder hat ihn schon mal in einem Dinosaurierbuch gesehen, meist fälschlicherweise zwischen T. rex und Triceratops. Aber Dimetrodon war KEIN Dinosaurier! Er lebte rund 40 Millionen Jahre vor dem ersten echten Dinosaurier und war ein Synapside, also näher mit dir und mir verwandt als mit einem Stegosaurus. Sein spektakulärstes Merkmal war natürlich das riesige Rückensegel. War es zur Temperaturregulierung da, eine Art prähistorische Klimaanlage? Diente es dazu, Partner anzulocken oder Rivalen einzuschüchtern? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem! Mit seinem Gebiss voller unterschiedlicher Zahntypen (ein Merkmal, das wir Säugetiere geerbt haben) war er der Spitzenprädator seiner Zeit.
Stellt euch einen Dimetrodon vor, aber als friedlicher Pflanzenfresser und mit einem Segel, das zusätzlich mit knöchernen Querstangen bespickt war. Das war Edaphosaurus. Er teilte sich den Lebensraum mit Dimetrodon und beweist, dass Rückensegel im frühen Perm der letzte Schrei waren.

In der Mitte des Perms gab es einen großen Wechsel. Die älteren Synapsiden wie Dimetrodon starben aus und wurden durch eine fortschrittlichere Gruppe ersetzt: die Therapsiden. Einige von ihnen sahen schon erstaunlich säugetierähnlich aus. Ihre Beine standen senkrechter unter dem Körper, was ihnen eine effizientere Fortbewegung ermöglichte. Zu dieser Gruppe gehörten einige der beeindruckendsten Kreaturen des Perms.

Eine Gruppe riesiger Pflanzen- und Fleischfresser. Stellt euch Estemmenosuchus vor, ein massiges Tier von der Größe eines Nashorns, mit einem bizarren Geweih aus Knochen auf dem Kopf.
Das waren die Wölfe und Tiger des späten Perms. Schnelle, wendige Jäger mit den ersten echten Säbelzähnen der Erdgeschichte! Ein Schädel von Inostrancevia mit seinen dolchartigen Eckzähnen ist ein Anblick, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.


Eine extrem erfolgreiche Gruppe von Pflanzenfressern. Die meisten von ihnen waren zahnlos, abgesehen von zwei großen Hauern, die aus dem Oberkiefer ragten. Sie hatten einen Hornschnabel wie Schildkröten und watschelten in riesigen Herden durch die Perm-Landschaft.
Und inmitten dieser Vielfalt tauchten im späten Perm auch die Cynodontia („Hundezähne“) auf – eine Gruppe, die schon viele Merkmale moderner Säugetiere besaß und aus der schließlich unsere direkten Vorfahren hervorgingen. Sie waren noch klein und unscheinbar, doch sie überlebten die kommende Katastrophe und trugen das Erbe der Synapsiden in die neue Welt der Dinosaurier.

Die zweite große Gruppe der Amnioten waren die Sauropsiden, zu denen alle heutigen Reptilien und die Vögel gehören – und natürlich die Dinosaurier. Im Perm standen sie noch im Schatten der Synapsiden, aber sie brachten bereits einige faszinierende Formen hervor und legten den Grundstein für ihre spätere Dominanz.

Da waren zum Beispiel die massigen, panzerplatten-bewehrten Pareiasaurier wie Scutosaurus. Diese pflanzenfressenden Kolosse waren so breit wie hoch und sahen aus wie wandelnde, stachelige Festungen. Und dann gab es die ersten Versuche, die Lüfte zu erobern! Die Weigeltisauriden waren kleine, echsenähnliche Reptilien, die etwas Unglaubliches konnten: Sie besaßen lange, stabförmige Knochen, die sie seitlich vom Körper abspreizen konnten. Dazwischen spannte sich eine Hautmembran, die es ihnen ermöglichte, von Baum zu Baum zu gleiten – die ersten Gleitflieger der Wirbeltiergeschichte!
Und, ganz wichtig: Gegen Ende des Perms tauchten die Archosauromorpha auf. Das klingt kompliziert, bedeutet aber „herrschende Echsenformen“. Aus dieser unscheinbaren Gruppe sollten im nächsten Zeitalter, der Trias, die Krokodile, die Flugsaurier und ja, auch die Dinosaurier hervorgehen. Die Saat für die Ära der Reptilien war gesät.

Auch die Ozeane des Perms waren voller Leben. Korallenriffe, die von seltsamen, schwammartigen Organismen und den extrem vielfältigen Brachiopoden (die aussahen wie Muscheln, aber nicht mit ihnen verwandt sind) gebaut wurden, säumten die Küsten der Tethys.

Ammoniten mit ihren kunstvoll gewundenen Schalen jagten durch das Wasser. Die Trilobiten, die seit dem Kambrium die Meeresböden beherrscht hatten, waren nur noch ein Schatten ihrer selbst und standen kurz vor dem endgültigen Aussterben.
Und dann war da noch der bizarrste Fisch aller Zeiten: der „Kettensägen-Hai“ Helicoprion. Dieses Tier war kein echter Hai, aber eng verwandt. Sein Unterkiefer war zu einer spiralförmigen Zahnspirale verwachsen, die wie ein Kreissägeblatt aussah. Wie genau er damit jagte, ist bis heute ein Rätsel. Hat er damit die Schalen von Ammoniten geknackt? Oder ist er in Fischschwärme geschwommen und hat mit seiner Zahnspirale um sich geschlagen? So oder so, ein absolut einzigartiges Geschöpf!


Die Insekten, die im Karbon bereits riesige Ausmaße erreicht hatten, waren auch im Perm erfolgreich. Es gab libellenähnliche Insekten mit beachtlichen Flügelspannweiten, frühe Käfer und Heuschrecken. Sie waren eine wichtige Nahrungsquelle für die kleineren Reptilien und Amphibien, die noch immer in den feuchteren Gebieten überlebten, wie der große, krokodilähnliche Lurch Eryops.
Das Perm-Zeitalter endete nicht leise. Es endete mit dem größten Massenaussterben, das unser Planet je erlebt hat. Die Katastrophe am Ende der Kreidezeit, die die Dinosaurier (außer den Vögeln) auslöschte, war schlimm. Aber das Perm-Trias-Massenaussterben war unvorstellbar schlimmer. Es war ein planetarer Kollaps.
Die Zahlen sind schwindelerregend: Schätzungen zufolge starben über 95% aller Arten im Meer und rund 70% aller landlebenden Wirbeltierarten aus. Ganze Ökosysteme brachen zusammen. Die einst dominanten Synapsiden wurden fast vollständig ausgelöscht. Die großen Gorgonopsier, die riesigen Dicynodontier-Herden, die gepanzerten Pareiasaurier – sie alle verschwanden für immer. Es war das einzige bekannte Massensterben, das sogar die Insektenwelt in die Knie zwang. Die Erde wurde zu einem stillen, fast leeren Planeten. Es dauerte Millionen von Jahren, bis sich das Leben von diesem Schlag erholt hatte.

Was konnte eine solche globale Verwüstung anrichten? Es war kein einzelner Asteroideneinschlag wie bei den Dinosauriern. Die Wissenschaftler haben mehrere Hauptverdächtige, die wahrscheinlich zusammenwirkten und eine tödliche Kettenreaktion auslösten:
Der Vulkanismus aus der Hölle:
In der Region des heutigen Sibiriens ereignete sich einer der größten Vulkanausbrüche der Erdgeschichte. Über Millionen von Jahren strömten gewaltige Mengen an Lava aus der Erde und bedeckten eine Fläche von der Größe Westeuropas – die Sibirischen Trapps. Diese Eruptionen schleuderten Unmengen an Kohlendioxid (CO₂) und anderen Gasen in die Atmosphäre.
Der globale Hitzeschock:
Das CO₂ führte zu einem extremen Treibhauseffekt. Die globalen Temperaturen stiegen dramatisch an, vielleicht um 5 bis 10 Grad Celsius. Die Ozeane erhitzten sich und verloren ihren Sauerstoff.
Die erstickenden Ozeane:
In den sauerstofflosen (anoxischen) Tiefen der Meere konnten sich Bakterien vermehren, die hochgiftigen Schwefelwasserstoff produzieren. Dieser giftige, nach faulen Eiern riechende Gas könnte in die Atmosphäre aufgestiegen sein und das Leben an Land und im flachen Wasser vergiftet haben.
Die Methan-Bombe:
Die Erwärmung der Ozeane könnte gefrorene Methanvorkommen am Meeresboden (Methanhydrate) zum Schmelzen gebracht haben. Methan ist ein noch stärkeres Treibhausgas als CO₂. Die Freisetzung dieser „Methan-Bombe“ hätte die globale Erwärmung weiter angeheizt und den Planeten in eine unerträgliche Sauna verwandelt.
Diese tödliche Kombination aus Vulkanismus, Klimaerwärmung, saurem Regen, Ozeanversauerung und Giftgasen schuf eine Welt, in der kaum noch etwas überleben konnte. Es war der Beinahe-Tod unseres Planeten.
Das Ende des Perms war eine Tragödie von kosmischem Ausmaß. Doch in jeder Zerstörung liegt auch die Chance für einen Neuanfang. Die wenigen Überlebenden fanden eine leere Welt vor, eine offene Bühne mit unzähligen freien Nischen. Die Herrschaft der Synapsiden war gebrochen. Nun war die Zeit für die andere große Gruppe gekommen, die Sauropsiden.
Die kleinen, unscheinbaren Archosauromorpha, die die Katastrophe überlebt hatten, nutzten ihre Chance. Aus ihnen entwickelten sich in der folgenden Trias-Zeit die Dinosaurier, die die Welt für die nächsten 180 Millionen Jahre beherrschen sollten. Das Große Sterben am Ende des Perms hat also erst den Weg freigemacht für die Welt von T. rex, Triceratops und all den anderen Giganten, die uns heute so begeistern. Aber vergesst niemals die Welt, die davor kam – die wilde, bizarre und letztlich tragische Welt des Perm.