Die Kreidezeit:
Das dramatische Finale der Dinosaurier-Ära

Stellt euch eine Welt vor, so fremd und doch seltsam vertraut. Eine Welt, die fast doppelt so lange andauerte wie die Zeit, die uns von den letzten Dinosauriern trennt. Wir sprechen von der Kreidezeit, dem letzten und längsten Akt im großen Theater des Erdmittelalters, dem Mesozoikum. Dieses Zeitalter erstreckte sich über sagenhafte 79 Millionen Jahre, von vor etwa 145 bis vor 66 Millionen Jahren. Das ist eine unvorstellbar lange Zeitspanne! Um das in Perspektive zu rücken: Die gesamte aufgezeichnete Menschheitsgeschichte ist nur ein winziger Wimpernschlag im Vergleich dazu. In der Kreidezeit hat sich die Welt so dramatisch verändert, dass ein Dinosaurier vom Anfang der Kreidezeit seine Welt am Ende kaum wiedererkannt hätte. Und genau in diese Epoche, die Heimat des legendären Tyrannosaurus rex, werden wir nun mit voller wissenschaftlicher Wucht eintauchen!

Woher stammt der Name „Kreide“?

Ein Blick in den Malkasten der Geologie

Jetzt fragt ihr euch sicher: Warum ausgerechnet „Kreide“? Hatten die Dinosaurier eine Vorliebe für Tafeln und Schulunterricht? Natürlich nicht! Als Paläontologe liebe ich es, in den Namen von Dingen zu stöbern, denn sie erzählen oft die spannendsten Geschichten. Der Name kommt vom lateinischen Wort „creta“, was schlicht und einfach „Kreide“ bedeutet. Der belgische Geologe Jean d’Omalius d’Halloy hat diese Epoche im Jahr 1822 so benannt, weil er in Westeuropa auf riesige, mächtige Schichten aus weissem Kreidegestein stiess. Die berühmten weissen Klippen von Dover in England oder die Steilküsten der Normandie in Frankreich? Das ist pure Kreidezeit, direkt zum Anfassen!

Aber was ist diese Kreide eigentlich? Es ist kein gewöhnliches Gestein. Es sind die Überreste von Billionen und Aberbillionen winziger Meereslebewesen, sogenannter Coccolithophoriden. Das waren mikroskopisch kleine Algen, die in den warmen, flachen Ozeanen der späten Kreidezeit in unvorstellbaren Mengen lebten. Jede dieser Algen baute sich ein winziges Skelett aus Kalkplättchen. Wenn sie starben, sanken diese Kalkplättchen auf den Meeresboden. Über Millionen von Jahren bildete dieser unaufhörliche Schneefall aus Mikrofossilien gewaltige Ablagerungen, die sich später zu dem Kreidegestein verfestigten, das wir heute kennen. Im Grunde ist ein Spaziergang an den Klippen von Dover wie ein Gang über einen Friedhof mikroskopischer Algen aus der Zeit der Dinosaurier. Gruselig und faszinierend zugleich, oder?

Der Atlantische Ozean wurde immer breiter und trennte Südamerika und Afrika endgültig voneinander. Indien, das noch bei Madagaskar an Afrika hing, löste sich und begann seine lange Reise nach Norden, die schließlich zur Kollision mit Asien und zur Entstehung des Himalayas führen sollte – aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal. Gondwana, der südliche Superkontinent, zerfiel in seine heutigen Bestandteile: Südamerika, Afrika, Antarktika, Australien und Indien.

Besonders spannend war die Situation in Nordamerika. Ein riesiges, flaches Meer, der sogenannte Western Interior Seaway, teilte den Kontinent für einen Großteil der späten Kreidezeit in zwei Hälften. Im Westen lag der schmale Inselkontinent Laramidia, der sich von Alaska bis nach Mexiko erstreckte. Im Osten lag der größere, aber weniger erforschte Kontinent Appalachia. Das ist der Grund, warum wir Fossilien von Tyrannosaurus rex und Triceratops nur im Westen der USA finden – sie lebten auf Laramidia! Auf Appalachia lebten ganz andere Dinosaurier, von denen wir leider viel weniger wissen, weil die geologischen Bedingungen dort für die Fossilienbildung nicht so gut waren. Es waren quasi zwei getrennte Welten, die nur durch ein paar hundert Kilometer Wasser getrennt waren. Zwei völlig unterschiedliche Experimente der Evolution, die parallel abliefen!

Dieser Temperaturanstieg hatte zwei Hauptgründe. Erstens war die tektonische Aktivität enorm. Die Kontinente bewegten sich, Vulkane spuckten Feuer und Asche, und unter den Ozeanen bildeten sich neue Gebirgsketten. All diese vulkanische Aktivität setzte gigantische Mengen an Kohlendioxid (CO₂) in die Atmosphäre frei. Und wie wir wissen, ist CO₂ ein potentes Treibhausgas, das die Wärme der Sonne wie eine Decke einfängt.

Zweitens führten die hohen Temperaturen dazu, dass die Ozeane sich ausdehnten und die fehlenden Eiskappen den Meeresspiegel dramatisch ansteigen ließen. Große Teile der Kontinente, die heute trockenes Land sind, waren von flachen, warmen Meeren bedeckt. Diese riesigen Wasserflächen speicherten zusätzlich Wärme und verteilten sie über den ganzen Globus. Das Ergebnis war ein erstaunlich ausgeglichenes Klima mit nur geringen Temperaturunterschieden zwischen dem Äquator und den Polen. Eine feuchte, heiße Welt – das perfekte Paradies für Reptilien.

Der letzte Tag

Ein Asteroid beendet die Party

Nach fast 80 Millionen Jahren voller evolutionärer Wunder endete die Kreidezeit abrupt und katastrophal. Vor 66 Millionen Jahren schlug ein Asteroid von der Größe des Mount Everest auf der Erde ein, genau dort, wo heute die Halbinsel Yucatán in Mexiko liegt. Der Einschlag hinterließ einen über 180 Kilometer breiten Krater, den Chicxulub-Krater.

Die unmittelbaren Folgen waren unvorstellbar. Die Wucht der Explosion löste Erdbeben aus, die den ganzen Planeten erschütterten, und verursachte gigantische Tsunamis, die über die Küsten fegten. Gestein und Staub wurden hoch in die Atmosphäre geschleudert, verdunkelten die Sonne für Monate, vielleicht sogar Jahre, und ließen die Temperaturen weltweit abstürzen. Ohne Sonnenlicht starben die Pflanzen. Ohne Pflanzen starben die Pflanzenfresser. Und ohne Pflanzenfresser starben die großen Fleischfresser wie T. rex.

Es war ein Massenaussterben von globalem Ausmaß. Etwa 75 % aller Arten auf der Erde verschwanden für immer. Alle Dinosaurier (außer den Vögeln), die Pterosaurier, die Mosasaurier, die Plesiosaurier und die Ammoniten wurden ausgelöscht. Die lange, glorreiche Herrschaft der Dinosaurier war vorbei.

Ein Neuanfang aus der Asche

Doch das Ende der Kreidezeit war nicht nur ein Ende, sondern auch ein Anfang. Die Katastrophe schuf unzählige leere ökologische Nischen. Und wer war da, um sie zu füllen? Unsere kleinen, unscheinbaren Säugetier-Vorfahren! Sie hatten das große Sterben überlebt, weil sie klein waren, sich verstecken konnten und viele von ihnen Allesfresser oder Insektenfresser waren, die sich von den Überresten der alten Welt ernähren konnten.

In der auf die Kreidezeit folgenden Ära, dem Paläogen, begann die explosive Evolution der Säugetiere. Aus den kleinen, nachtaktiven Wesen wurden die Vorfahren von Pferden, Walen, Fledermäusen, Raubtieren und schließlich auch von uns Primaten. Die Kreidezeit ist also nicht nur die Geschichte vom Ende der Dinosaurier. Es ist die Geschichte, die den Grundstein für unsere eigene Welt legte. Jedes Mal, wenn ihr einen Vogel am Himmel seht, seht ihr einen direkten Nachfahren der Dinosaurier. Und jedes Mal, wenn ihr in den Spiegel schaut, seht ihr einen Nachfahren der kleinen Überlebenden, die es geschafft haben, als die Welt der Giganten in Flammen aufging.

Häufig gestellte Fragen