
Vergesst für einen Moment den T. rex und seine gewaltigen Zähne. Ja, ich weiß, Dinosaurier sind die Rockstars der Urzeit, aber ich möchte euch auf eine Reise in eine noch viel ältere, fremdartigere und, wenn ihr mich fragt, mindestens genauso spektakuläre Welt mitnehmen. Eine Welt, in der die größten Jäger unter Wasser lebten, gigantische Pilze die Landschaft dominierten und unsere aller-, aller-, allerfernsten Vorfahren den kühnsten Schritt in der Geschichte des Lebens wagten. Schnallt euch an, Zeitreisende, wir brechen auf in das Devon, ein Zeitalter so revolutionär, dass es den Planeten für immer veränderte.
Um zu verstehen, wie unglaublich lange das Devon her ist, stellt euch die gesamte Zeit seit dem Aussterben der Dinosaurier vor – das sind etwa 66 Millionen Jahre. Jetzt nehmt diese Zeitspanne und multipliziert sie mit sechs! Wir landen in einer Ära, die vor etwa 419 Millionen Jahren begann und ungefähr 60 Millionen Jahre andauerte, bis sie vor circa 359 Millionen Jahren endete. Das ist so unvorstellbar lange her, dass die Kontinente aussahen wie zerbrochene Puzzleteile, die an den falschen Stellen schwammen. Der größte Teil der Landmasse befand sich auf der Südhalbkugel und bildete den Superkontinent Gondwana. Ein anderer großer Kontinent, Laurussia (eine frühe Version von Nordamerika und Europa), trieb in den Tropen. Dazwischen erstreckten sich weite, flache und warme Ozeane. Das Klima war größtenteils warm und trocken, fast wie in einem globalen Gewächshaus, obwohl es auch kühlere Phasen gab. Und in dieser fremden Welt spielten sich drei unglaubliche Revolutionen ab: im Wasser, an Land und auf dem Weg dorthin.
Wenn das Devon einen Spitznamen verdient hat, dann ist es das „Zeitalter der Fische“. Und das aus gutem Grund! Während es im vorhergehenden Zeitalter, dem Silur, schon Fische gab, explodierte ihre Vielfalt im Devon förmlich. Die Ozeane und Süßwasserseen wimmelten nur so von Schuppen, Flossen und Kiefern in allen denkbaren Formen und Größen. Die wahren Herrscher dieser nassen Welt waren jedoch keine grazilen Schwimmer, sondern schwer gepanzerte Ungetüme.

Stellt euch einen Fisch vor, der statt Schuppen eine massive Knochenrüstung trägt, die seinen Kopf und Vorderkörper wie ein mittelalterlicher Ritter schützt. Das waren die Placodermen, die „Panzerfische“. Sie waren die dominanten Raubtiere ihrer Zeit und an der Spitze der Nahrungskette stand ein wahrer Albtraum auf Flossen: der Dunkleosteus. Dieses Monstrum konnte die Größe eines Kleinbusses erreichen, bis zu sechs oder sogar acht Meter lang werden. Sein Kopf war ein massiver, gepanzerter Rammbock. Und Zähne? Brauchte er nicht! Stattdessen besaß er riesige, selbstschärfende Knochenplatten in seinem Kiefer, die mit der Kraft eines hydraulischen Presswerkzeugs zuschnappen konnten. Mit diesem Knochenbrecher-Gebiss konnte er mühelos andere Panzerfische, frühe Haie und alles andere, was ihm vor die Kiefer schwamm, zerteilen. Der Dunkleosteus war zweifellos der T. rex der devonischen Meere – ein Apex-Prädator, der nichts und niemanden zu fürchten hatte.
Aber nicht alle Panzerfische waren solche furchterregenden Jäger. Es gab eine riesige Vielfalt. Einige, wie der seltsam aussehende Bothriolepis, hatten einen abgeflachten Körper und lebten am Meeresgrund, wo sie wahrscheinlich Schlamm nach organischen Partikeln durchwühlten. Andere, wie der gewaltige Titanichthys, waren riesige, aber harmlose Filtrierer, die wie heutige Bartenwale mit offenem Maul durchs Wasser schwebten und Plankton aus dem Wasser siebten.
Während die Panzerfische die Schlagzeilen machten, entwickelten sich im Hintergrund zwei weitere Gruppen, die eine noch größere Zukunft vor sich hatten. Zum einen wurden die Knorpelfische, zu denen die Haie gehören, immer häufiger. Ein früher Vertreter war Cladoselache, ein agiler Jäger, der zwar nicht so stark gepanzert war wie Dunkleosteus, aber dafür schneller und wendiger. Er sah schon ein bisschen wie ein moderner Hai aus, hatte aber noch einige urzeitliche Merkmale. Zum anderen erlebten die Knochenfische (Osteichthyes), die Gruppe, zu der die allermeisten heute lebenden Fische und auch wir Menschen gehören, ihre erste große Blütezeit. Sie teilten sich in zwei Hauptlinien auf: die Strahlenflosser, aus denen die meisten modernen Fische hervorgingen, und die faszinierenden Fleischflosser.

Während die Ozeane vor Leben brodelten, war das Land zu Beginn des Devon noch eine weitgehend leere, stille und feindselige Welt. Stellt euch endlose, von der Sonne verbrannte Ebenen aus Fels und Staub vor, nur hier und da unterbrochen von grünen, feuchten Flecken in der Nähe von Gewässern. Doch das sollte sich dramatisch ändern. Das Devon war die Zeit der größten Landnahme in der Geschichte unseres Planeten – die Eroberung durch die Pflanzen.
Die ersten Pioniere waren winzig und bescheiden. Pflanzen wie Cooksonia waren kaum mehr als ein paar Zentimeter hohe, grüne Stängel, die sich gabelten und an ihren Spitzen kleine Kapseln mit Sporen trugen. Sie besaßen weder echte Blätter noch Wurzeln und konnten nur dort überleben, wo es ständig feucht war. Aber sie waren der Anfang. Von diesen einfachen Anfängen aus startete eine der schnellsten evolutionären Entwicklungen, die es je gab.

Bevor die Bäume kamen, wurde die Landschaft des frühen und mittleren Devon von einem der bizarrsten Organismen beherrscht, die je auf der Erde existierten: Prototaxites. Stellt euch graue, säulenartige Gebilde vor, die wie riesige, baumlose Stämme bis zu acht Meter hoch in den Himmel ragten und einen Durchmesser von einem Meter erreichen konnten. Jahrelang rätselten Paläontologen, was zum Kuckuck das sein könnte. Ein Baum? Eine seltsame Alge? Heute geht die favorisierte Theorie davon aus, dass es sich um den gigantischen Fruchtkörper eines Pilzes handelte! Ein Pilz von der Größe eines dreistöckigen Hauses, der über einer Landschaft aus moosartigen Pflänzchen thronte. Das zeigt, wie fremdartig und experimentell das Leben in dieser Epoche war.
Die Evolution machte im Devon gewaltige Sprünge. Die Pflanzen entwickelten entscheidende Erfindungen, um das trockene Land endgültig zu erobern:
Mit diesem evolutionären Werkzeugkasten war der Weg frei für die ersten echten Wälder der Erdgeschichte. Im mittleren und späten Devon entstanden ausgedehnte Wälder aus Bärlapppflanzen, riesigen Schachtelhalmen und farnähnlichen Gewächsen. Der Star dieser ersten Wälder war Archaeopteris. Lasst euch vom Namen nicht täuschen, er hat nichts mit dem Urvogel Archaeopteryx zu tun. Archaeopteris war ein echter Baum, der bis zu 30 Meter hoch werden konnte. Er hatte einen massiven, holzigen Stamm und eine Krone aus großen, farnartigen Wedeln. Diese Bäume bildeten dichte Wälder mit einem schattigen Unterholz. Sie schufen völlig neue Lebensräume, produzierten zum ersten Mal in der Erdgeschichte in großem Stil fruchtbaren Boden und, was noch wichtiger war, sie begannen, massenhaft Kohlendioxid (CO₂) aus der Atmosphäre zu ziehen. Diese „Begrünung der Kontinente“ war eine klimatische Superkraft, die das Erdklima nachhaltig abkühlte und möglicherweise sogar das große Massensterben am Ende des Devon mitverursachte.
Die neuen Wälder und die feuchten Uferzonen boten eine verlockende neue Welt voller Ressourcen und ohne große Raubtiere. Doch wer sollte sie erobern? Die ersten, die es wagten, waren die Gliederfüßer (Arthropoden). Schon vor dem Devon krabbelten Skorpione, Tausendfüßer und spinnenartige Tiere an Land herum und ernährten sich von den verrottenden Pflanzenresten. Aber der wirklich entscheidende Schritt, der alles verändern sollte, wurde von einer Gruppe von Fischen unternommen.
Erinnert ihr euch an die Fleischflosser, die zweite große Gruppe der Knochenfische? Im Gegensatz zu den Strahlenflossern hatten sie keine dünnen, fächerartigen Flossen, sondern kräftige, muskulöse Flossen, die von einem zentralen Knochenstrang gestützt wurden – ganz ähnlich dem Aufbau unserer eigenen Arme und Beine. Einige dieser Fische, wie die Lungenfische, entwickelten zudem eine weitere geniale Anpassung: eine primitive Lunge, mit der sie atmosphärischen Sauerstoff atmen konnten. Das war ein riesiger Vorteil in den flachen, warmen und oft sauerstoffarmen Sümpfen und Flussdeltas des Devon.
Stellt euch einen dieser Fische vor, nennen wir ihn einen Vorfahren von Tiktaalik, einem der berühmtesten Übergangsfossilien überhaupt. Er lebt in einem flachen Gewässer, das in der Trockenzeit immer kleiner wird. Das Wasser ist warm und sauerstoffarm. Was tut er? Er streckt seinen Kopf aus dem Wasser und atmet Luft. Seine kräftigen Brustflossen, die schon fast wie Beine aussehen, ermöglichen es ihm, sich am schlammigen Grund abzustützen. Vielleicht schiebt er sich sogar ein kleines Stück aus dem Wasser heraus, um einem Raubfisch zu entkommen oder um an Land gefallene Gliederfüßer zu fressen. Über Millionen von Jahren wurden diese Flossen zu richtigen Beinen, der Schädel wurde flacher, und der Körper passte sich immer besser an ein Leben außerhalb des Wassers an. Aus Fischen wurden Tetrapoden – die Vierbeiner, die Vorfahren aller Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere, einschließlich uns. Die ersten Fußspuren dieser Pioniere finden wir in devonischen Gesteinen. Es waren noch keine vollwertigen Landtiere, eher amphibische Kreaturen, die noch stark vom Wasser abhängig waren, aber der entscheidende Schritt war getan.
Das Devon war ein Zeitalter der Schöpfung und Innovation, doch es endete in einer Katastrophe. Genauer gesagt, in einer Serie von Katastrophen. Das spätdevonische Massensterben war kein einzelnes Ereignis wie der Asteroideneinschlag, der die Dinosaurier auslöschte, sondern eine langwierige Krise mit mehreren Pulsen des Aussterbens. Es traf vor allem das Leben im Meer und hier insbesondere die Bewohner der warmen, flachen tropischen Meere.
Die prächtigen Riff-Ökosysteme, die von Korallen und Stromatoporen (schwammähnlichen Organismen) aufgebaut wurden, kollabierten. Die gepanzerten Riesen, die Placodermen, wurden vollständig ausgelöscht. Kein einziger Dunkleosteus überlebte. Auch die meisten Trilobiten, die seit dem Kambrium die Meeresböden bevölkert hatten, verschwanden für immer. Es war eine ökologische Verwüstung, die die marinen Ökosysteme auf den Kopf stellte. Das Leben an Land und im Süßwasser kam vergleichsweise glimpflich davon. Unsere vierbeinigen Vorfahren überlebten die Krise und hatten im nachfolgenden Karbon-Zeitalter plötzlich eine Welt vor sich, die sie erobern konnten.
Was löste diese Katastrophe aus? Die genaue Ursache ist bis heute eines der großen Rätsel der Paläontologie. Ein großer Asteroideneinschlag ist eher unwahrscheinlich, da man keine ausreichend große Kraterstruktur aus dieser Zeit gefunden hat. Wahrscheinlicher ist eine Kombination aus mehreren Faktoren:
Wahrscheinlich war es ein tödliches Zusammenspiel all dieser Faktoren, das das blühende Leben des Devon an den Rand des Abgrunds brachte.
Wenn wir am Ende unserer Zeitreise aus dem Devon zurückkehren, lassen wir eine völlig verwandelte Welt zurück. Es war kein Zeitalter der Giganten wie das der Dinosaurier, sondern ein Zeitalter der Pioniere und Erfinder. Die Fische eroberten die Gewässer mit einer beispiellosen Kreativität. Die Pflanzen verwandelten die kargen Kontinente in grüne, lebendige Landschaften mit den ersten Wäldern. Und unsere eigenen Vorfahren vollbrachten den unglaublichsten aller Übergänge. Das Devon legte das Fundament für fast alle Ökosysteme, die wir kennen. Es schuf den Boden unter unseren Füßen, die Luft, die wir atmen, und es war die Bühne für den ersten Akt im großen Drama der Landwirbeltiere. Wenn ihr also das nächste Mal ein Bild von einem T. rex seht, denkt einen Moment an den gepanzerten Dunkleosteus, den seltsamen Prototaxites und den fischartigen Tiktaalik, der sich mühsam an Land zog. Ohne diese Helden des Devon gäbe es die Stars der Kreidezeit gar nicht.